Aktuelle Debatte zur Medikamentenabgabe im Aargau: Warum die Selbstdispensation kontraproduktiv ist und die Grundversorgung gefährdet
Die Motion 25.379 im Grossen Rat des Kantons Aargau möchte den Verkauf von Medikamenten in Arztpraxen ermöglichen. Die Massnahme heisst Selbstdispensation und soll in den Augen der Motionäre einen zusätzlichen finanziellen Anreiz setzen und so dem Hausärztemangel begegnen. Eine Gesamtschau aus Versorgungssicht zeigt, dass diese Selbstdispensation nicht zielführend und sogar schädlich ist. Das Argumentarium der Aargauer Apotheken klärt auf, weshalb diese Massnahme die Gesundheitsversorgung einer breiten Bevölkerung gefährdet – und warum das bestehende System der Medikamentenversorgung mit seiner Arbeitsteilung («Der Arzt verschreibt, der Apotheker gibt ab») zwischen Arztpraxen und Apotheken sinnvoll ist und funktioniert.
Die Motion ist kontraproduktiv und würde die Grundversorgung schwächen
Die Fakten sprechen eine deutliche Sprache: Von neun Kantonen, die bezüglich Ärztedichte ähnlich schlecht abschneiden wie der Aargau, kennen sieben die Selbstdispensation – ohne bessere Versorgung: Auch sie verfügen über eine prekäre Hausarztdichte [1]. Die drei Kantone mit der höchsten Ärztedichte der Schweiz (GE, BS, VD) erlauben hingegen keinen Medikamentenverkauf in Arztpraxen. Das zeigt deutlich: Zwischen Selbstdispensation und Arztdichte gibt es keinen Zusammenhang, sie verbessert also die Versorgungslage nicht, im Gegenteil.
Dies betont auch der Regierungsrat in seiner deutlichen Ablehnung der Motion: «Die Erlaubnis der Selbstdispensation für alle Ärztinnen und Ärzte der Grundversorgung würde in erster Linie das Einkommen der betroffenen Ärztinnen und Ärzte verbessern. Ob es dadurch tatsächlich mehr Hausärztinnen und Hausärzte im Kanton Aargau gäbe, ist fraglich, insbesondere in der Peripherie. Dem gegenüber besteht die Gefahr, dass die heute gute Versorgung der Aargauer Bevölkerung durch öffentliche Apotheken verloren ginge.»
Die Selbstdispensation führt zu höheren Kosten
Aktuelle Studien belegen, dass die Selbstdispensation die Kosten [2] in die Höhe treibt – um bis zu 79 CHF pro Patient und Jahr. Dieselbe Studie untersucht die Reform in Zürich und Winterthur, wo Ärztinnen und Ärzte nach einer Regimeänderung Medikamente direkt verkaufen durften. Die Reform verursachte geschätzte zusätzliche Medikamentenkosten von rund 19,5 Mio. CHF pro Jahr. Der Grund liegt auf der Hand: In Arztpraxen mit Selbstdispensation werden deutlich mehr Medikamente verschrieben, ohne dass dies medizinisch begründet wäre. Wer Medikamente selber verschreibt und gleichzeitig verkauft, verschreibt mehr – zum eigenen Vorteil und zum Nachteil der Allgemeinheit.
Der Kanton Aargau profitiert von seinem dichten Apothekennetz
Die 126 Aargauer Apotheken sind eine tragende Säule der wohnortnahen medizinischen Versorgungssicherheit. Sie stellen bei den Medikamenten eine echte Wahlfreiheit her – zum Wohl der Patienten und Kunden: Medikamente jederzeit, überall und ohne Umweg – in der Apotheke um die Ecke, per Hauslieferservice kostenlos in jede Gemeinde oder am Wochenende beim Notfalldienst. Ausserdem nehmen sie eine wichtige Rolle bei der Langzeitpflege ein, sie unterstützen Heime, tragen zur Qualitätssicherung bei (Stichwort «Vieraugenprinzip»), überprüfen und optimieren Therapien, helfen bei Bagatellerkrankungen, entlasten die Notfallstationen und stärken mit ihrem Beratungsangebot die Prävention.
Die Selbstdispensation erschwert den Zugang zur medizinischen Grundversorgung
In Kantonen mit Selbstdispensation ist das Apothekennetz nachweislich nur halb so dicht.
| Kanton | Einwohner | Apotheken | Einwohner pro Apotheke |
|---|---|---|---|
| Luzern | 437’944 | 34 | 12’880 |
| Solothurn | 293’081 | 26 | 11’272 |
| Thurgau | 301’863 | 22 | 13’722 |
| Aargau | 735’536 | 126 | 5’838 |
Im Aargau wären rund 63 der 126 Standorte gefährdet, besonders auf dem Land, wo ohnehin schon ein Hausärztemangel besteht. Die Selbstdispensation würde dazu führen, dass dort Hausarztpraxen und Apotheken fehlten. Ein solches Eigentor gilt es zu verhindern!
Die wahren Ursachen des Hausärztemangels liegen woanders
Die Behauptung des Ärzteverbands, die Selbstdispensation würde den Hausarztberuf attraktiver machen und den ärztlichen Nachwuchs sichern, ist schlichtweg falsch. Eine aktuelle Umfrage [3] der Jungen Haus- und Kinderärzt:innen Schweiz (April 2026) zeigt, was die nächste Generation wirklich will: 74% wollen in einer Gruppenpraxis arbeiten, nur 3% in einer Einzelpraxis. Das Wunschpensum liegt bei 70%. Was junge Ärztinnen und Ärzte suchen, ist medizinische Selbstbestimmung ohne administrative Vollverantwortung. Das Recht, Medikamente zu verkaufen, gehört nicht dazu, weil die Selbstdispensation den ärztlichen Praxis-Aufwand noch einmal komplexer werden lässt: Einkauf, Bestellwesen und Lagerhaltung, Vorschiften erfüllen und Abrechnen kommen hinzu. Die Selbstdispensation beantwortet auf falsche Weise die falschen Fragen.
Mehrfaches demokratisches Nein zur Selbstdispensation: Der erneute Vorstoss der Ärztelobby ist eine Zwängerei – am Willen und an den Bedürfnissen der Bevölkerung vorbei
Dass die Selbstdispensation keine Lösung bringt, sondern nur neue Probleme schafft, haben Volk, Parlament und Regierung längst erkannt und klar entschieden. Das Aargauer Stimmvolk sagte zum Medikamentenverkauf der Ärzte bereits 2013 klar nein. Auch Regierungsrat und Grosser Rat lehnten die Selbstdispensation schon mehrfach ab. Der Regierungsrat weist den erneuten Vorstoss ebenfalls entschieden zurück. Darum heisst es: Nein zu dieser unsinnigen Zwängerei!





